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Archivstück des I. Quartals 2020

Archivstück des I. Quartals 2020
Archivstück des I. Quartals 2020

In den ersten Morgenstunden des 17. Oktober 1789 verstarb im alten Haintchener Pfarrhaus Pfarrer Gerlach Ponsar. Wie der Eintrag im Sterberegister festhält, hatte ihm der damalige Schullehrer Johann Baptist Klee[1] in den letzten Stunden beigestanden[2]. Ponsar verschied im Alter von 47 Jahren an den Folgen einer Krankheit. Er war aus Hasselbach gebürtig und hatte elf Jahre den Dienst als Pfarrer in Haintchen versehen[3].

Das Testament Ponsars hat sich als Kopie im Pfarrarchiv erhalten. Es war am 30. September 1789 abgefasst worden. Noch am selben Tag wurden Vertreter der Gemeinde von der Existenz des Testaments in Kenntnis gesetzt. Im Pfarrarchiv befindet sich auch der mit zwei (beschädigten) Siegelabdrücken des Pfarrsiegels versehene Originalumschlag des Testaments[4] sowie ein „Inventarium über die Verlassenschaft des Verstorbenen Hochehrwürdigen Hrn. Pastors Ponsar“ in Original und Abschrift[5].

Pfarrer Ponsar hat sein Testament in vier Abschnitte gegliedert:

Im 1. Abschnitt trifft er ganz grundsätzliche Verfügungen über das, was ihm „gehört“: Seine Seele, sein Leib und sein Vermögen. Während er darum weiß, wohin seine Seele zurückkehren wird, legt er für seinen Leib den Bestattungsort fest: Auf dem Kirchhof, an der Kirchentüre. Dort wird sich sein Grabmal bis zur Auflösung des alten Friedhofs rund um die Kirche befunden haben[6].

Für die Verteilung seines Vermögens trifft Ponsar im 2. Abschnitt seines Testaments detaillierte Bestimmungen: Zunächst benennt er die Kinder seiner Geschwister, sowie seine noch lebenden drei Geschwister als Erben zu gleichen Teilen[7]. Folgende Geschwister lassen sich nachweisen: Anna Maria (*1738), Joseph (*1740), Ferdinand Damian (*1747), Johannes (*1752). Anna Maria Ponsar blieb unverheiratet und führte ihrem geistlichen Bruder den Haushalt. Sie starb am 31. August 1788[8].

Das an die Familie zu verteilende Vermögen wird durch Stiftungen an die Kirchen in Haintchen und Hasselbach gemindert. Es werden ein samstäglich zu singendes Salve Regina, Geld zum Unterhalt des „Ewigen Lichts“ und Jahrämter zum Gedächtnis des Erblassers gestiftet, aber auch Geld zur Verteilung an Arme und Kranke[9] in den beiden Ortschaften.

Neben den frommen Stiftungen sollten auch noch die Paten Ponsars[10] und ein weiteres Kind, das als Des A. Staat sein Kind Anna vorgestellt wird, Geld aus der Erbmasse empfangen.

Im 3. Abschnitt des Testaments führt Pfarrer Ponsar eigens aus, was ihn dazu bewogen hatte, das weitere Kind und seine Paten zu bedenken: Alle im Testament aufgeführten Kinder seien ihm gleich verwandt, und es würde so sicher gestellt, dass er den Bedürftigsten mehr helfen könne. Wie sind diese Bemerkungen zu verstehen? Ponsar hatte zu Anfang des Testaments die Geschwisterkinder und seine noch lebenden Geschwister als gleichberechtigte Erben genannt. Wenn das nun erwähnte weitere Kind, wie er betont, auf gleiche Weise mit ihm verwandt war, warum wurde es an dieser Stelle extra aufgeführt? War es die Tochter einer weiteren Schwester Ponsars? War es in besonderer Weise bedürftig? Waren die Paten Ponsars bedürftig?

Jedenfalls sah Ponsar sich im 4. Abschnitt veranlasst, an Vernunft und Barmherzigkeit all seiner Erben zu appellieren, um Einsprüche gegen seine Verfügungen zu vermeiden. Doch schien er mit Widrigkeiten zu rechnen, denn er stellte gleichsam im Vorgriff seine barmherzige Willens Verordnung unter den Schutz eines geistlichen Richters und der geistlichen Rechte.

Abschließend erinnert er seine Erben daran, in Friede und Eintracht ein gottgefälliges Leben zu führen und sich dabei auf das Sterben vorzubereiten. Seine Hoffnung geht dahin, daß wir zusammen zur ewigen Ruhe und Anschauung Gottes gelangen.

Das Testament des Pfarrers Gerlach Ponsar hat sich in einer vom damaligen Camberger Pfarrer und Landdechanten Caspar Schmid[11] beglaubigten Abschrift erhalten. Ob Schmid die Rolle des geistlichen Richters übernehmen musste, an den Ponsar zur Durchsetzung seiner barmherzigen Willens Verordnung appelliert hatte, bleibt offen. Die Erben zahlten am 17. Oktober 1790 die der Haintchener Kirche aus dem Testament Ponsars zufließende Summe und stifteten dazu noch das Geld für die Anschaffung einer neuen Albe[12].

 

 

Kurz notiert …

 

Manchmal findet man bei der Durchsicht von Archivalien des Pfarrarchivs kurze Informationen, für die eine Darstellung im Format „Archivstück des Quartals“ nicht passend erscheint. Da sie aber durchaus interessante Informationen transportieren, sollen sie künftig in der Rubrik „Kurz notiert“ am Ende des jeweiligen „Archivstück des Quartals“ (siehe dort) beigefügt werden.

 

 

 

 

 

Pfarrarchiv Haintchen

Kurtrierische Zeit, Mappe: Nachlassangelegenheiten

 

 

Haintchen, 30. September 1789

Das Testament des Pfarrers Gerlach Ponsar

 

 

Copia

Im Namen der allerheiligsten Dreyfaltigkeit

Da Sterben jedem gewiß ist, und auch dieß mir meine Krankheit bedroht; so will ich zu meiner letzten Willensmeynung schreiten

  1. Meine Seele gebe ich gern aus Gehorsam meinem Gott dem Schöpfer, dem Seligmacher, dem Heiligmacher.
  2. Den Leib der Erde, dem Kirchhofe an der Kirchenthüre.
  3. Das zeitliche Vermögen hinterlasse ich den Kindern meines Geschwisters in capita[13] und gleiche Theile, wozu die 3 noch lebende Geschwister doch auch besonders als 3 neue Theile anzurechnen sind.

Davon aber haben diese meine Erben zu entziehen:

  1. 100 fl.[14] zu einem Salve Samstags zur Ehre der seel. Mutter Gottes Mariae allhier zu Haindchen zu halten.
  2. 50 fl. zur hiesigen Ampel vor dem allerheiligste Sakrament.
  3. 25 fl. in hiesige Kirche zur Stiftung, daß ein zeitl. Pastor 1 fl. jährlich unter die Arme und Kranke austeile.
  4. 25 fl. ebenfalls in die Hasselb[acher] Kirche auf vorige Weise.
  5. Ist ein Anniversarium zu stiften allhier an meinem Sterbetage.
  6. Ein Anniversaium zu Hasselbach an meinem Geburts- und Namenstag d. 5. Januarii.
  7. Meinen Pathen sollen gegeben werden jedem 10 fl.
  8. Des A. Staat sein Kind Anna soll auch noch bedacht werden mit 30 fl.

Die Ursachen, die mich bewogen, obige Personen als Erben zu ernennen sind

  1. Weil alle diese Kinder mir gleich verwandt sind, und
  2. Absonderlich auf solche Weise werden die mehr bedrangte besser geholfen.

Ich verhoffe also, daß jeder Vernünftiger, der noch die Barmherzigkeit, die mich dazu bewogen hat, betrachtet, diese meine Verordnung wird genehmigen, und so alle meine Erben werden damit zufrieden seyn; widrigen falls wird der geistliche gehörige H. Richter ersuchet, diese meine barmherzige Willens Verordnung nach den geistlichen Rechten zu beschützen.

Letzlich empfehle ich meinen Erben an Friede und Einigkeit, Furcht Gottes, gutes Leben, beständiges Bereiten zum Sterben, auf daß wir zusammen zur ewigen Ruhe und Anschauung Gottes gelangen.

Also verordne ich und alles obiges bestättige ich mit meiner eigenen Hand und Pfarrsiegel.

Haindchen d. 30ten 7ber 1789

L.S.[15]                                                                                           G. Ponsar, Pastor mppria[16]

Daß die Ab- der Urschrift in allem gleich laute, bezeuge C[aspar] Schmid, Past[or] und Landdechant mp.[17]

 

 

 

Kurz notiert: Bauarbeiten an der Sakristei im Jahr 1715?

 

Quellen zur Geschichte des Vorgängerbaus der Haintchener St. Nikolaus Kirche sind rar. Den Dreißigjährigen Krieg hatte die alte Kirche anscheinend noch gut überstanden. Zu diesem Schluss kamen jedenfalls kurtrierische Visitatoren, die Haintchen im Jahr 1664 besuchten. Sie hielten auch fest, dass Reparaturarbeiten an Turm und Schiff grundsätzlich der (Zivil-)Gemeinde oblagen, die Unterhaltung des Chorraums aber aus den Einkünften der Kirche bestritten werden musste[18]. Die Gemeinde ließ in der Folgezeit, wie die Bürgermeisterrechnungen belegen, wiederholt Reparaturarbeiten durchführen[19].

Vor diesem Hintergrund ist eine kurze Notiz zu einem Bauprojekt von Interesse, das um das Jahr 1715 realisiert werden sollte. In einem Verzeichnis von Schuldverschreibungen zugunsten der Kirchenkasse notierte der damaligen Haintchener Pfarrer Franciscus Kraus[20], dass die von Schultheiß Philipp Bresser[21] zurückzuzahlenden 8 Reichstaler samt Zinsen zur aufbawung der Sacristey angelegt worden seien[22].

 

 

 

 

[1]             Johann Baptist Klee stammte aus Obermörlen und war zwischen 1740 und 1776 sowie nach 1787 bis 1812 Schulmeister in Haintchen, s. Katharina Stoll, Die Schulgeschichte Haintchens, in: 600 Jahre Haintchen, 219-231, hier: 220f. Zu ihm auch Archivstück des Quartals 2 (2018) und 6 (2/2019).

[2]             DAL Haint K2 03 Sterbefälle 1764-1819. – Schullehrer Klee hat den Eintrag ins Sterberegister selbst vorgenommen.

[3]             Ebd. – Zu Pfarrer Ponsar s.a. Archivstück des Quartals 7 (2019/3).

[4]             Die Aufschrift auf dem Umschlag lautet: Das dieser Verschlossene Brief von Herrn Pastoren Gerlach Ponsar zu Haintgen uns unterschriebenen Vorgezeiget worden und besagter Herr Pastor Ponsar mit guter Vernunft deutlich erkläret habe, Es seye dieser Verschluss seine letzte Willens Meynung, wird hiemit von Unterschriebenen bezeuget und bestättiget, Haindgen d. 30. Sept. 1789. Unterschrieben haben der Schullehrer Johann Baptist Klee sowie die Sendschöffen Andreas Meissner, Johannes Bös, Heinrich Meissner und Philipp Urban.

[5]             Pfarrarchiv Haintchen, Kurtrierische Zeit, Mappe „Nachlassangelegenheiten“. – Das „Inventarium“ bietet interessante Einblicke in den Besitzstand eines Landpfarrers des späten 18. Jahrhunderts.

[6]             Der ursprünglich um die Pfarrkirche gelegene Friedhof wurde in nassauischer Zeit geräumt und (etwa um das Jahr 1840) an die heutige Stelle verlegt.

[7]             DAL Hass K101 Taufen 1700-1775.

[8]             Pfarrarchiv Haintchen, Amtsbücher, Hauptbuch Bd.3, Stiftungen S. 40

 

[9]             Bereits bei der Stiftung eines Jahramts für seine verstorbene Schwester Anna Maria hatte Pfarrer Ponsar bestimmt, dass für die armen, so der Hl. Messe bey gewohnet an der Kirchenthüre 30xr allmosen auszutheilen ist, Pfarrarchiv Haintchen, Amtsbücher, Hauptbuch Bd. 3, Stiftungen, 40.

[10]            Die Taufpaten Gerlach Ponsars waren Gerlach Bargon (Barchon) und Anna Maria Roth aus Hasselbach, DAL Hass K1 01 Taufen 1700-1775.

[11]            Caspar Schmid (1727-1801), gebürtig aus Camberg, seit 1758 Pfarrer von Camberg, sein Grab und Grabstein befinden sich im Chorraum der Camberger Pfarrkirche, deren Neubau in die Amtszeit Schmids fiel, Karl Rudloff, Die Pfarrgemeinde St. Peter und Paul in der Neuzeit, in: Camberg 700 Jahre Stadtrechte, 221.

[12]            Die Gemeinde bezahlte im gleichen Zug ein neues Meßgewand, Pfarrarchiv Haintchen, Kirchenrechnungen, Rechnung 1791, pag. 11.

[13]            Lat.: Pro Kopf

[14]            Abk.: Floren (= Gulden)

[15]            Abk.: Loco Sigilli oder Locus Sigilli, Die lat. Abkürzung verweist bei Abschriften auf den Siegelabdruck des Originals.

[16]            Abk.: Manu propria, lat.: Mit eigener Hand

[17]            Wie Fußnote 14.

[18]            Hayntgen […] Kirche in sehr gutem Stand. Friedhof genügend abgeschlossen. Zwei Altäre, Hauptaltar und Marienaltar, Leo Ueding, Aus kurtrierischen Visitationsprotokollen von 1664 und 1681, in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 4 (1952), 293-306, hier 294. Eine (emblematische?) Darstellung der alten Haintchener Kirche mit einem markanten Spitzhelm findet sich auf einer Karte aus dem Jahr 1674, die im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden aufbewahrt wird. Teilabdruck in: 700 jahre Hasselbach, 20f.

[19]            Hellmuth Gensicke, Von den Anfängen bis zur Neuzeit, in: 600 Jahre Haintchen, 57-78, hier: 63f.

[20]            Franciscus Kraus, 1699-1703 Pfarrer in Hasselbach, nach 1707-1725 Pfarrer in Haintchen, spätestens seit 1728 Pfarrer in Niedererbach, Bertold Menningen, Pfarrkirche St. Margaretha zu Hasselbach/Ts., in: 700 Jahre Hasselbach, 85-102, hier:101, Alois Staudt, Beiträge zur neueren Kirchengeschichte, in: 600 Jahre Haintchen, 79-U112, hier: 105, Pfarrarchiv Haintchen, Amtsbücher, Hauptbuch Bd. 1, Stiftungen, fol. 25.

[21]            Johann Philipp Presser (ca. 1656-17411952), kurtrierischer Schultheiß, Rudolf Wolf, Zur Familiengeschichte von Haintchen im 17. und 18. Jahrhundert, in: 600 Jahre Haintchen, 189-194, hier: 193.

[22]            Pfarrarchiv Haintchen, Amtsbücher, Hauptbuch Bd. 1, Obligationen fol. 25r.

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