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Archivstück des Quartals I. 2019

Archivstück des Quartals I. 2019
Archivstück des Quartals I. 2019

Ein alter Soldat, ein vielseitiger Gastwirt und die fünf ärmsten Schulkinder.

Eine merkwürdige Stiftungsgeschichte.

 

Heinrich Eschweiler[i] hatte als holländischer Soldat gedient[ii]. Nach dem Abschied führte ihn sein Weg im Jahr 1754 nach Haintchen[iii]. An der Hessenstraße fand er ein Gasthaus, dort kehrte er ein – und blieb[iv]. Mit dem Wirt, Philipp Rau[v], verstand sich der ehemalige Soldat anscheinend recht gut. Jedenfalls – so gab Rau später an – habe jener „Vertrauen zu ihm gefasst“. Wie groß dieses Vertrauen war, zeigte sich, als  Eschweiler Haintchen wieder verließ: Er übergab Rau 200 Gulden. Die Summe war keine Kleinigkeit: Für rund 200 Gulden Lohn hatten die Schieferdecker vor kurzem Kirchenschiff und Turm der alten Kirche ab- und die neue Kirche vollständig eingedeckt[vi]. Ein „armer“, abgedankter Soldat war Eschweiler wohl nicht – auch wenn man sich kaum vorstellen mag, dass er mit 200 Gulden im Hosensack reiste. Aus der Schilderung Raus[vii] erfahren wir, zu welchen Zwecken ihm das Geld übergeben worden war: 100 Gulden sollte der Gastwirt und Handelsmann[viii] entweder selbst gegen Zinsen leihen oder aber – wiederum gegen Zinsen – an andere verleihen. Die Zinsen waren zeitlebens an Eschweiler zu entrichten; nach dessen Tod aber an den Mann seiner verstorbenen Schwester. Als Erbe dieser 100 Gulden wurde deren Sohn eingesetzt, der, wie zuvor sein Onkel, das Soldatenhandwerk ausübte. Die zweite Hälfte der Summe sollte „zu frommen Zwecken“ der St. Nikolauskirche in Haintchen übergeben werden. Dabei hatte Eschweiler aber nicht nur eine Messstiftung für sein eigenes Seelenheil im Sinn, sondern seine Mildtätigkeit wandte sich den fünf ärmsten Haintchener Schulkindern zu[ix].

Wann und warum Eschweiler Haintchen wieder verließ, bleibt offen. Am 14. April 1760 verstarb er in Ockstadt bei Friedberg, wo er in seinen letzten Lebensjahren als Postmann bei dem kurmainzischen Geheimen Rat Freiherrn von Franckenstein gedient hatte[x].

Erst im Jahr 1766 erfüllte Philipp Rau den Wunsch des Verstorbenen: Seither wurde in der Haintchener Pfarrkirche am 14. und 15. April jeden Jahres des ehemaligen holländischen Soldaten gedacht und den fünf ärmsten Kindern das Schulgeld aus seiner Stiftung bezahlt[xi].

Während es aber einige Jahre bis zur Übergabe der 100 Gulden an die Kirche gedauert hatte, zahlte Rau seit dem Jahr 1761 den Zinsertrag aus der anderen Hälfte des ihm übergebenen Geldes weiterhin aus. Nutznießer hätte nach dem Tod Eschweilers eigentlich dessen Schwager, Johann Christian Heß, sein sollen. Im Jahr 1760 wurde aber bekannt, dass dieser bereits vor seiner Frau verstorben war – was Eschweiler anscheinend nicht gewusst hatte. Der Haintchener Gastwirt zahlte daraufhin jährlich fünf Gulden an Ludwig Heß, den Bruder des verstorbenen Schwagers[xii].

Im März des Jahres 1767 hielt Rau es angesichts seines fortgeschrittenen Alters für angebracht, das Erbe Eschweilers zu regeln: Der Versuch, dessen Neffe in Militärdiensten ausfindig zu machen oder widrigenfalls eine Bescheinigung seines Todes zu erhalten, führte ebenso wenig zum gewünschten Erfolg, wie die Suche nach dessen möglichen erbberechtigten Nachfolgern. Somit hätten wiederum dem Schwager gemäß der Bestimmung Eschweilers, 50 Gulden Erbanteil zugestanden. Diesmal sollte das Geld aber nicht an dessen Bruder Ludwig Heß fallen. Rau erinnerte sich stattdessen daran, dass Eschweiler für den Fall des Ausbleibens aller rechtmäßigen Erben, dem Haintchener Gastwirt das Verfügungsrecht über das Kapital überlassen hatte, um es wiederum der Kirche zu übergeben, die es dann einem irgendwann eventuell doch noch auftauchenden Erben auszahlen sollte[xiii].

Die Stiftung des ehemaligen holländischen Soldaten Eschweiler bestand bis in nassauische Zeit[xiv]. Sie ist ein Beispiel für das soziale Engagement einer Privatperson, die die konkrete Not von Kindern zum Helfen bewog, bevor staatliche Fürsorge auf diesem Feld tätig wurde. Warum der ehemalige holländische Soldat gerade in Haintchen diese Stiftung errichtet wissen wollte, bleibt unklar. Die Not der Kinder hatte er in seiner Soldatenzeit sicher erlebt und wurde hier möglicherweise wieder an diese Not erinnert. Auch könnte der Heilige Nikolaus als Schutzpatron der Schüler und Studenten Eschweiler zu seiner mildherzigen Tat „inspiriert“ haben. Merkwürdig ist die Rolle Philipp Raus: Warum erhielt er 1754 die 200 Gulden von Eschweiler? Warum zahlte er Zinsen an Ludwig Heß, obwohl dieser nicht erbberechtigt war? Was hatte Rau mit dem ihm übergebenen Geld gemacht, bis er es kurz vor dem eigenen Tod in zwei Schritten an die Haintchener Kirche übergab?

 

Pfarrarchiv Haintchen

Kurtrierische Zeit, Mappe „Nachlassangelegenheiten“, Nachlass Eschweiler[xv]

 

 

 

Haintchen, 11. November 1766

Philipp Rau errichtet im Namen von Heinrich Eschweiler eine Mess- und Armenstiftung[xvi]

 

 

Haintgen den 11ten 9bris 1766

 

Erschiene Hr. Philipp Rau gegen mir erinnerendt daß bewußter Masen Henrich Eschweiler vormahliger Holländscher Soldat bey ihme selbsten hundert rheinische gulden ad pias causas[xvii] nach gesagtem Soldatens bekannt werdenden absterben deponiret habe: da nun dieser in diensten ihro Excellenz Hr. von Franckenstein[xviii] azu Ockstadta das zeitliche mit dem ewigen verwechselt zu haben sicher ist, so werden obige 100 fl[xix] nunmehro nach gesinnung fundatoris[xx] von Hr. Philipp Rau hiesiger Pfarrkirche ad stm. Nicolaum[xxi] dergestalten und bedingungen uberreicht, daß

b1mob  gegen sothane gelder zuhe jahrlich 2 heilige Messen für die Seel des abgestrobenen fundatoren[xxii] mit abbettung des Rosencrantzes cad cujuscunque libitum et intenionemc und absingung einiger verser von einem Lied samt orgellschlag d2do; aprilis Nb d. 14 April 1760 mortuus estd sollen abgelesen werden worgegen also 40 fl legiret[xxiii] und dannenhero 2 fl Interessen[xxiv] anerfällig H. Pastori[xxv] 1 fl, der Kirche 40 xr,  SchulMeistern 20 xr gerichtet werden sollen.

e3tioe Gleichwie anbey der gedancke des fundatoren der arme Kinder mehrstens bezielte sollen übrige 60fl dahin legiret seyn, daß vor eingehende Zinsen der Kirche wegen obsorg des Capitalis 30xr, zeitl. Schul Meister aber 2fl 30xr für Belehrung deren 5 armsten Kinder[xxvi] hiesiges orthes, /: die welche nach anweiß H. Pastoris und vorgeschehenen Unterredung des Schul Meisters deme die armuth seiner Schul Kinder bestens bewußt, benahmt werden :/ jährlich anerfallen, welche sodann Schul Meister ohne Forderung fleisigst zu belehren gehalten ist. Urkundlich sothaner Fundatio[xxvii] ist diese in Synodo publiciret, acceptiret und eigenhändig [von] H. Kirchenvorstehern confirmirte ut supra[xxviii]

 

 

 

 

[i]               (Johann) He(i)nrich Eschweiler (+1760) Soldat in holländischen Diensten, seit 1754 Postmann im Dienst des Freiherrn von Franckenstein zu Ockstadt. Die Schreibweise des Namens variiert in den hier herangezogenen Quellen zwischen Heinrich, Henrich und Henric.

Der Name „Eschweiler“ und der holländische Militärdienst könnten auf eine Herkunft vom Niederrhein verweisen. Allerdings lebte die Schwester Eschweilers, Anna Catharina Heß, geb. Eschweiler,  in Michelbach bei Usingen und in Grävenwiesbach, s. Pfarrarchiv Haintchen, Kurtrierische Zeit, Nachlassangelegenheiten, „Nachlass Eschweiler“.

[ii]              Möglicherweise war Eschweiler während des Österreichischen Erbfolgekriegs (1740-48) in  holländische Dienste getreten.

[iii]           Der Grund für Eschweilers Reise geht aus den hier ausgewerteten Quellen nicht hervor. Zwar wäre es denkbar, dass er von oder zur Beerdigung seiner Schwester nach Grävenwiesbach reiste, die 1754 verstorben ist. Dagegen spricht allerdings, dass er gegenüber Rau noch seinen Schwager als erbberechtigt angab. Dieser war allerdings bereits vor seiner Frau verstorben, was Eschweiler spätestens bei deren Beerdigung erfahren hätte. Möglicherweise reiste Eschweiler aber auch zu seinem neuen Dienstherrn, dem Freiherrn von und zu Franckenstein, nach Ockstadt bei Friedberg, s. Pfarrarchiv Haintchen, Kurtrierische Zeit „Nachlassangelegenheiten“ Nachlass Eschweiler.

[iv]              Dabei handelte es sich wahrscheinlich um das nachmalige Gasthaus „Zum Hirsch“ (Hessenstraße 25). Dort soll sich auch eine Postkutschenhaltestelle befunden haben, s. Rüdiger Fluck, Hetteanton …, Camberger Straße, Eisenbacher Weg, Hessenstraße, Haintchen 2009. Hier findet sich auch ein Hinweis auf Vorfahren der Besitzerfamilie mit dem Namen Deboul. Diese Familie war wiederum mit der Familie Rau verbunden, s. dazu Stiftungen von Philipp Rau und seiner Ehefrau Anna Maria, geb. Mollie, für ihre verstrobene[n] jungfer[n] Anna Eva [und] Anna Catharina Deboulin im Jahr 1760, Pfarrarchiv Haintchen, Amtsbuch Bd. 3, pag 4. Auch das Amtsbuch der Frühmesserei Haintchen erwähnt die beiden Namen Rau und Deboul im Zusammenhang mit einem Gasthaus, dem sog. „Welschen Bierhaus“, s. Pfarrarchiv Haintchen, Amtsbuch der Frühmesserei, pag. 59-63. In der Mitteilung des Pfarrers von Grävenwiesbach zur Identität des Ehemanns von Eschweilers Schwester wird Rau als Wirth Welsch zum Haintgen angesprochen, s. Pfarrarchiv Haintchen, Kurtrierische Zeit, „Nachlassangelegenheiten“, Nachlass Eschweiler.

[v]              Philipp Rau (1695-1767) hatte beim Neubau der Kirche eine maßgebliche Rolle gespielt, s. dazu Rechnung über den Kirchenbau im Pfarrarchiv. Auch bei der Errichtung der Frühmesserei war er durch die Stiftung eines Wohnhauses für den Frühmesser beteiligt. Darüber hinaus wirkte er als Gerichtsschöffe; s. zu ihm auch die Archivstücke 1, 3 (2018).

[vi]              S. Pfarrarchiv Haintchen, Kurtrierische Zeit, Mappe „Kirchenbaurechnung“.

[vii]          S. Pfarrarchiv Haintchen, Kurtrierische Zeit, Mappe „Nachlassangelegenheiten“, Nachlass Eschweiler.

[viii]            Rau erwähnt eine im Jahr 1762 an ihm und seiner Handelschafft gethane[n] halb mörderische[n] Dieberey, ebd.

[ix]              Ebd.

[x]              Ebd.

[xi]              S. Pfarrarchiv Haintchen, Amtsbuch Bd. 3, pag 19.

[xii]             Warum Rau das Geld an Ludwig Heß auszahlte bleibt unklar. Aus der Mitteilung des Grävenwiesbacher Pfarrers Johann Georg Schmitborn vom 12. Juli 1760 geht hervor, dass Ludwig Heß sich im Jahr 1754 um das Begräbnis seiner Schwägerin, Anna Catharina Heß, geb. Eschweiler, gekümmert hatte, s. Pfarrarchiv Haintchen, Kurtrierische Zeit, Mappe „Nachlassangelegenheiten“, Nachlass Eschweiler.

[xiii]            Ebd. Interessanterweise wurde Ludwig Heß aber der Rekurs an das Amt Camberg zugestanden, falls er Erbansprüche geltend machen wollte.

[xiv]            Das Herzogtum Nassau war bestrebt, die Armenfürsorge unter staatlicher Aufsicht zu organisieren, s. Winfried Schüler, Das Herzogtum Nassau. 1806-1866. Deutsche Geschichte im Kleinformat, Wiesbaden 2006, 82-85; Klaus Schatz SJ, Geschichte des Bistums Limburg (QAmrhKG 48), Mainz 1983, 53, 87.

[xv]             Das Konvolut umfasst: 1. das hier veröffentlichten Stiftungsprotokoll, 2. die Kopie eines Protokolls aus dem Jahr 1763, in dem Philipp Rau Umstände und Inhalt der durch Eschweiler getätigten Stiftung schildert. Dazu eine Ergänzung aus dem Jahr 1766, in welcher Rau die getätigten Zinszahlungen an Ludwig Heß bestätigt, 3. eine von Schulmeister Klee beglaubigte Kopie des unter 2. aufgeführten Schriftstücks, mit Beglaubigungsvermerk, sowie einer wiederum beglaubigten Kopie der Auskunft des Pfarrers von Grävenwiesbach zur Identität von Ludwig Heß aus dem Jahr 1760, 4. Protokoll der Befragung Raus durch das Sendgericht über die näheren Umstände der Stiftung Eschweilers und zur Regelung des Nachlasses vom 12. März 1767.

[xvi]            Parallelüberlieferung im Pfarrarchiv Haintchen, Amtsbuch Bd. 3, pag. 35, Diese Fassung dürfte nach der Vorlage des hier veröffentlichen Aktenstücks entstanden sein, da alle nachträglichen Ergänzungen bereits in den Text eingefügt sind.

[xvii]         Lat.: zu frommen Zwecken

[xviii]         Vermutlich handelt es sich um Johann Friedrich Karl von und zu Franckenstein, Freiherr zu Ockstadt (1745-1832). Dieser war im Todesjahr Eschweilers 1760 erst 15 Jahre alt. Sein Vater, Karl Friedrich von und zu Franckenstein, Freiherr zu Ockstadt war bereits im Jahr 1755 verstorben XXX

[xix]            Abk. für Florin (Gulden).

[xx]             Lat.: des Stifters

[xxi]            Lat.: zum Heiligen Nikolaus

[xxii]            Latinisiert für „Stifter“ (wie Anm. 8)

[xxiii]           Latinisiert für „[testamentarisch] hinterlassen, vermacht“.

[xxiv]           Latinisiert für „Zinsen“.

[xxv]            Lat.: dem (Herrn) Pfarrer.

[xxvi]         Für die Beschulung hatte der Schulmeister von einem jeden Schulkinde 30xer zu bekommen, s. Pfarrarchiv Haintchen, Amtsbuch Bd. 3, pag. 70.

[xxvii]          Lat.: Stiftung

[xxviii]          Teilweise latinisiert: Wurde in der Sitzung des Sendgerichts öffentlich gemacht, angenommen und eigenhändig durch die Herrn Kirchenvorsteher bestätigt wie untenstehend