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Schweigen ist keine Option

Ein Abend, der nachwirkt: Der Vortrags- und Gesprächsabend „Christentum und Rechtsextremismus – unterscheidet die Geister“ im katholischen Pfarrheim in Bad Camberg zeigte eindrücklich, wie notwendig eine differenzierte Auseinandersetzung mit religiöser Sprache im politischen Kontext ist.

Ein Abend zur Klärung von Haltung und Verantwortung

Zur Einführung begrüßte Gemeindereferent Andreas Schorr die Teilnehmenden und stellte die zentralen Fragen des Abends in den Raum. Wo beginnt die Instrumentalisierung des Christentums? Was bedeutet diese für Kirche und Gesellschaft? Und wie lässt sich erkennen, wann religiöse Sprache für politische Zwecke missbraucht wird? Ziel sei es, die eigene Haltung zu schärfen. Ein Anspruch, der sich im Verlauf des Abends eindrucksvoll erfüllte.

Wo religiöse Sprache politisch in falschen Kontext gesetzt wird

Der Referent des Abends, Dr. Frank van der Velden, Bistumsbeauftragter für Islamfragen, machte gleich zu Beginn deutlich, aus welcher Perspektive er spricht. „Ich bin kein Politologe, aber ich bin Theologe.“ Seine Aufgabe sehe er darin, zu unterscheiden, wo christliche Begriffe in der Politik sinnvoll verwendet werden und wo ihre Instrumentalisierung beginne. Im Zentrum christlicher Botschaft stehe die Caritas, also die tätige Nächstenliebe. Sie beschränke sich nicht auf Zugehörigkeit oder Herkunft, sondern gelte jedem Menschen.

Van der Velden betonte zugleich die Bedeutung demokratischer Grundwerte. Nach vielen Jahren, in denen er in nicht demokratischen Ländern gelebt habe, sei er dankbar für Meinungspluralität und Wahlgeheimnis. Vielfalt sei ein hohes Gut und Voraussetzung dafür, miteinander im Gespräch zu bleiben. Es gehe ihm nie darum, Menschen auszuschließen. In diesem Sinne stellte er auch klar, dass eine Partei, solange sie nicht verboten ist, selbstverständlich gewählt werden dürfe. Entscheidend sei jedoch, auch bei unterschiedlichen Meinungen im Gespräch und bei den Fakten zu bleiben und die christliche Kernbotschaft nicht verdrehen zu lassen.

Wenn Politik Theologie für sich beansprucht

Wie religiöse Bilder politisch aufgeladen werden können, zeigte er anhand eines aktuellen Beispiels. Ein von Donald Trump veröffentlichtes, mit Künstlicher Intelligenz erzeugtes Bild zeigte ihn in messianischer Pose. Van der Velden fragte, ob dies nur skurril sei oder bereits Ausdruck einer problematischen Vereinnahmung religiöser Symbolik. Zeitgleich hatte Trump den Papst öffentlich angegriffen, als dieser sich gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Iran aussprach. Auch der US-Vizepräsident hatte dem Papst öffentlich gemaßregelt: Wenn Leo globale Angelegenheiten und komplexe Theologie vermische, „ist es sehr wichtig, dass der Papst vorsichtig ist“, so Vance. Man müsse sicherstellen, dass die Aussagen auch „in der Wahrheit verankert“ seien.

Ordo amoris

Schon zuvor hatte der US-Vizepräsident versucht, die US-Abschiebepolitik christlich zu begründen. Dabei berief sich Vance auf „ordo amoris“, ein Konzept aus der Theologie des Thomas von Aquin. Der Politiker deutete diese „Ordnung der Liebe“ als klare Rangfolge von Nähe. Zuerst komme die Familie, dann das unmittelbare Umfeld, dann die eigene Nation und erst danach andere Menschen weltweit. Daraus leitete er ab, dass nationale Interessen auch moralisch Vorrang hätten.

Dem widersprach van der Velden deutlich. In der ursprünglichen theologischen Tradition stehe nicht die Zugehörigkeit im Vordergrund, sondern die Ausrichtung auf Gott und die daraus folgende Verantwortung für alle Menschen. Die christliche Liebe zum Nächsten ist nicht auf die eigene Gruppe begrenzt und darf nicht gegen Gerechtigkeit ausgespielt werden. Die politische Deutung verkürzt einen komplexen geistlichen Zusammenhang und macht ihn für eigene Zwecke nutzbar.

Christliche Nächstenliebe kennt keine Grenzen

Van der Velden setzte eine klare theologische Position entgegen. „Wenn wir uns Christen nennen wollen, müssen wir hier hellhörig werden. Wenn Jesus nicht alle Menschen gleich geliebt hätte, wären wir nicht erlöst. Verheißung gilt nicht nur für sein Volk, sondern für jeden Menschen auf der Erde.“ Christliche Nächstenliebe bedeute, dass allen Menschen dieselbe göttliche Liebe und Solidarität zukomme.

Auch kirchliche Stellungnahmen bestätigen diese Kritik. Die Arbeitshilfe „Dem Populismus widerstehen“ der Deutschen Bischofskonferenz weist darauf hin, dass rechtspopulistische Argumentationen häufig mit verkürzten Lesarten arbeiten. Deren Zielrichtung ist klar. Sie widersprechen dem Gesamtzeugnis biblischer Texte und christlicher Tradition.

„Christliches Abendland“ als politisches Kampfwort

Van der Velden zeigte, dass solche Argumentationsmuster kein Einzelfall sind. Die Bezugnahme auf eine vermeintliche „christliche Substanz Europas“ diene häufig dazu, kulturelle Abgrenzung zu legitimieren. Dabei seien viele derjenigen, die sich darauf berufen, selbst nicht religiös. Das sogenannte „christliche Abendland“ werde politisch aufgeladen und zur kulturellen Grenzziehung genutzt. Verbunden mit der impliziten Festlegung, wer dazugehört und wer nicht.

Wie konkret diese Instrumentalisierung werden könne, zeige ein Blick auf politische Tendenzen. In Sachsen-Anhalt etwa rufe die AfD Christinnen und Christen dazu auf, sich gegen kirchliche Leitungen zu stellen oder sogar aus der Kirche auszutreten - verbunden mit dem Anspruch, selbst die „wahren“ christlichen Positionen zu vertreten.

Im Gespräch bleiben auch bei schwierigen Positionen

Im anschließenden Gespräch wurde deutlich, wie herausfordernd die Auseinandersetzung mit solchen Positionen ist. Immer wieder versuchten Wortmeldungen, das Thema zu verschieben oder neue Schauplätze zu eröffnen. Van der Velden blieb konsequent bei der Sache und arbeitete ein Argument nach dem anderen ab.

Er riet dazu, in Gesprächen „Ich-Botschaften“ zu verwenden, sich nicht von Ablenkungsstrategien irritieren zu lassen und mutig im Dialog zu bleiben. Auf eine Frage aus dem Publikum zur Muslimbruderschaft antwortete er differenziert, Sicherheitsfragen seien Aufgabe des Verfassungsschutzes. Es dürfe jedoch nicht der Schluss gezogen werden, alle Musliminnen und Muslime unter Generalverdacht zu stellen.

Zugleich wurde deutlich, dass antimuslimische Ressentiments gestreut werden und teils auf fruchtbaren Boden fallen. Rechtspopulistische Akteure können daran anknüpfen und bestehende Ängste verstärken. Umso wichtiger sei es, klar Stellung zu beziehen, betonte der Theologe.

Nicht ablenken lassen: Strategien im Umgang mit rechten Argumentationen

Auch der Umgang mit Statistiken kam zur Sprache. Das populistische Narrativ vom kriminellen Ausländer gewinne häufig durch selektive Deutung von Zahlen an Kraft. Umso wichtiger sei es, genau hinzusehen und sich nicht von scheinbar eindeutigen Zahlen überrollen zu lassen.

Van der Velden betonte, dass sich auch die Theologie verändert habe. Sie sei heute politischer, zugespitzter und näher an gesellschaftlichen Debatten als zu seiner Studienzeit. Das sei notwendig und gut, denn Haltung zu zeigen und argumentationsfähig zu sein, gehöre dazu. Offene Diskussionen könnten Mut machen - vorausgesetzt, sie werden mit Klarheit und Respekt geführt.

Ein Teilnehmer brachte am Ende auf den Punkt, was viele aus dem Abend mitnahmen: im Kontext von rechten Parolen bei einem Thema zu bleiben und sich nicht von Scheindebatten ablenken zu lassen.

Schweigen ist keine Option

Ganz klar machte dieser Abend: Schweigen ist keine Option. Nicht zu reagieren bedeutet, zur Normalisierung problematischer Positionen beizutragen. Gefordert sind Aufmerksamkeit, Klarheit und die Bereitschaft, Argumente einzufordern und im Gespräch zu bleiben.

Veranstaltet wurde der Abend von der katholischen Pfarrei St. Peter und Paul Bad Camberg in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung Limburg und Wetzlar, Lahn Dill Eder (KEB), pax christi und dem Bürgerforum Bad Camberg.

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