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Archivstück des IV. Quartals 2019

Archivstück des IV. Quartals 2019
Archivstück des IV. Quartals 2019
Relief mit der Darstellung des Pfeilmartyriums des Hl. Sebastian Haintchen, St. Nikolauskirche Seitenaltar am Übergang der Südwand des Kirchenschiffs zum Chor (Epistelseite)
Relief mit der Darstellung des Pfeilmartyriums des Hl. Sebastian Haintchen, St. Nikolauskirche Seitenaltar am Übergang der Südwand des Kirchenschiffs zum Chor (Epistelseite)

 

Ein Schutzpatron für Menschen und Tiere.

Zur Verehrung des Heiligen Sebastian in Haintchen

 

Zu den barocken Ausstattungsstücken der Haintchener St. Nikolaus-Kirche[1] gehört auch ein Relief mit der Darstellung des Martyriums des Hl. Sebastian. Es befindet sich an dem Seitenaltar, der am Übergang der Südwand des Kirchenschiffs (Epistelseite) zum Chor steht. Während den Reliefs an Kanzel und Seitenaltären grundsätzlich ein beachtlicher kunsthistorischer Wert beigemessen wird, sieht man in dem Relief des Hl. Sebastian einen „Nichtkönner am Werk“[2]. Warum aber wurde diese Arbeit eines kaum geübten „Bildhauers“ in den Seitenaltar eingesetzt? Fehlte etwa das Geld, um auch dieses eine Relief noch von einem „Könner“ anfertigen zu lassen?

 

Messstiftung und Stiftungskapital

Leider geben die bislang ausgewerteten Quellen keine Auskunft über Auftraggeber, Finanzierung und Ausführende des Seitenaltars und seiner Ausstattung[3]. Immerhin aber erlaubt das hier vorzustellende Archivstück, einen kurzen Einblick in die Geschichte der Verehrung des Hl. Sebastian in Haintchen. Damit wird vielleicht auch eine Spur zum Auftraggeber des Reliefs sichtbar:

Um das Jahr 1720, also gut dreißig Jahre vor dem Neubau der Kirche, hatte die Ehrsame gemeynd eine Messe zu Ehren des Hl. Sebastian an seinem Gedenktag, dem 20. Januar, gestiftet. Die Errichtung einer solchen Messstiftung war gebunden an die Übergaben eines Kapitals an die Pfarrkirche, aus dessen Ertrag dann die „Gebühren“ für Pfarrer, Küster, Glöckner und gegebenen falls auch Organist zu entrichten waren. Im Fall der Gemeindestiftung zu Ehren des Hl. Sebastian handelte es sich bei dem Kapital nicht um ein Geldvermögen sondern um eine Immobilie, näher hin um einen Acker auf der Kürbis[4]. Dieser hatte einen Flächeninhalt von ohngefehr 2 Sadel[5] lands (etwa 1.000 m2) und lag hinter dem leib-garten[?] an dem pfarracker, also in der Nähe von Landbesitz, der der Pfarrei bereits gehörte. Mit den Einnahmen, die die Pfarrei von dem ehemaligen Gemeindeacker erzielte, waren die Kosten für eine stille heil[ige] Meß[6] gedeckt. Als aber die neue Kirche im Jahr 1750 erbaut worden war, wollte die Gemeinde umgehend den Gedenktag des Hl. Sebastian und die von ihr gestiftete Messe festlicher gestaltet wissen. Man wünschte, dass nun ein singendes ambt[7]gefeiert werden sollte. Anscheinend reichten aber die Einkünfte aus dem gestifteten Ackerland nicht aus, um den erhöhten Aufwand für das gesungene Amt abzudecken. Daher stimmte die Gemeinde zu, dass der bislang zwischen ihr und der Pfarrei strittige sayffen[8], die Kühtränck[9] genannt in den Besitz der Kirche überging[10]. Unbeschadet dieses Besitzübergangs sollte es aber weiterhin möglich sein, während der Weidemonate das Vieh in den Seifen zur Tränke zu führen. Da die Quelle, aus der sich die Tränke speiste, nicht gefasst war, behielt die Gemeinde auch das Recht, diese im Bedarfsfall wieder aufzuwerffen, d.h. freizulegen.

Nachdem diese Vereinbarung zwischen Gemeinde und Pfarrei durch die vorgesetzte geistliche Behörde in Koblenz genehmigt worden war, konnte vielleicht schon 1751 erstmals der Festtag des Heiligen Sebastian mit einem gesungenen Amt in der neuerbauten Kirche begangen werden.

 

Warum St. Sebastian?

Was aber hatte die Gemeinde dazu bewogen, ausgerechnet den Heiligen Sebastian mit einem „singenden Amt“ zu ehren? Das Archivstück überliefert die folgende Intention: damit Gott durch die Vorbitt des heil[igen] Sebastiani Menschen und Vieh vor der pestilentzischen Kranckheit behüten wolle. Es ging der Gemeinde dabei um die Fürsprache des Heiligen bei allen seuchenartigen Krankheiten. Wichtig erscheint der Hinweis darauf, dass nicht nur die Menschen dem Schutz des Heiligen Sebastian empfohlen wurden, sondern auch das Vieh, also Nutz- und Haustiere. In einer Zeit, in der den Menschen ihre Abhängigkeit vom Wohl der Tiere unmittelbar vor Augen stand, verwunderte diese Messintention kaum. Dass die gesamte Gemeinde als Stifter der Messe auftritt, betont die empfundene allgemeine Bedrohung der Existenz[11].

Das Pfeilmartyrium des Heiligen Sebastian war im Glauben der Menschen ein Sinnbild für die Gefahren der pfeilgleich durch die Luft schwirrenden Krankheiten[12], die Mensch und Vieh treffen konnten. Das dem Heiligen zugeschriebene Erlöschen einer Pestwelle in Rom und Italien im Jahr 680, begründete die Hoffnung der Menschen in ihrer Hinwendung zur Fürsprache des Heiligen bei Gott[13]. Diese Hoffnung bringt auch das Relief auf dem Seitenaltar zum Ausdruck: Es zeigt den gefesselten und von Pfeilen getroffenen Heiligen, dem im Moment der höchsten Not Engel zur Hilfe eilen.

 

In Vergessenheit geraten

Vielleicht wird man aufgrund der sichtbar gewordenen besonderen Verehrung des Heiligen Sebastian durch die Gemeinde Haintchen in ihr auch den Auftraggeber für das Relief am Seitenaltar der St. Nikolauskirche sehen dürfen.

Wenn auch die kunsthistorische Betrachtung des Reliefs einen „Nichtkönner am Werk“ sieht, ist es sicher erlaubt, in eine umfassendere Bewertung auch den folgenden Aspekt einfließen zu lassen: Über Generationen hinweg haben viele Menschen in persönlichen und allgemeinen Anliegen vor diesem Bildnis des Heiligen Sebastian die Fürsprache des Heiligen bei Gott erbeten – und auch als im Jahr 1872 eine Ruhrepedemie ausbrach, suchten die Haintchener Hilfe bei Gott durch eine neuntägige Andacht zum Heiligen Sebastian und eine Prozession mit dem Allerheiligsten[14]. Während die „Ruhrprozession“ aufgrund eines Gelübdes der Gemeinde bis heute jedes Jahr am Sonntag nach dem Michaelisfest abgehalten wird, ist die besondere Verehrung des Heiligen Sebastian in Vergessenheit geraten[15]. Nur das Relief am Seitenaltar erinnert noch daran.

 

[1]             S. dazu allgemein: Ludwig Baron Döry, Die Barockkirche in Haintchen, in: 600 Jahre Haintchen 1388-1988, 1988, 113-150.

[2]             Ebd. 118.

[3]           Lediglich zur Anfertigung und Aufstellung des Hochaltars haben sich archivalisch

Nachrichten erhalten, s. ebd. 127-129; Pfarrarchiv Haintchen, Kurtrierische Zeit, Mappe „Rechung über den Kirchenbau 1749-1756“.

[4]             Haintchen Flur 2, Auf der Kerbes, s. Rüdiger Fluck, Flurnamen, Walddistrikte, Abteilungen, Straßen, Ortsbezeichnungen in der Gemarkung Haintchen/Ts, 2002.

[5]             Ein Sadel entspricht etwa einem Viertel Morgen, s. Egon Eichhorn, Münzen – Maße – Gewichte – Begriffe, in: 600 Jahre Haintchen 1388-1988, 1988, 317-321, hier: 319.

[6]             Bei einer „stillen Messe“ las, besser: flüsterte, der Priester kaum hörbar die lateinischen Messtexte. Während er dies mit dem Rücken zur Gemeinde tat, beten die Gläubigen still für sich. Predigt und Lieder waren nicht vorgesehen.

[7]             Im Unterschied zur „stillen Messe“ wurden dabei Teile des Messtextes im Wechsel zwischen Priester und einer Chorschola bzw. der Gemeinde gesungen.

[8]             Die Bezeichnung „Seifen“ deutet auf nasses Gelände oder das Vorhandensein einer Quelle hin. In der Gemarkung Haintchen finden sich z.B. die Flurbezeichnungen „Hinter den sauren Seifen“ (Flur 5), Almenseifen (Flur 6), Hutseife (Flur 14), Die Straßenseifen, Hainseifen (Flur 19), s. Rüdiger Fluck, Flurnamen, Walddistrikte, Abteilungen, Straßen, Ortsbezeichnungen in der Gemarkung Haintchen/Ts, 2002.

[9]             Haintchen Flur 14, Kühtränke Kuhtränke, (Koytränk[e]), ebd.

[10]            Zu den Streitgkeiten zwischen Pfarrei und Gemeinde um den Seiffen bey der Kühtränck s. Pfarrarchiv Haintchen, Kurtrierische Zeit, Mappe Zehntstreitigkeiten, Schreiben von Pfarrer Johann Theodor Klemmer an die Schultheißen und Vorsteher der Gemeinde Haintchen, 13. Juni 1749.

[11]            Ob das Auftreten einer Seuche den Anlass zu dieser Stiftung bot, läßt sich nicht feststellen.

[12]            S. dazu Agostino Amore, Art. Sebastian, in: LThK2, Bd. 9, Sp. 557-558 (Sonderausgabe). – Pfeile sind in der christlichen Ikonographie gebräuchliche Symbole für die Pest, die als Strafe (Geißel) Gottes gedeutet wurde: In (spät-)mittelalterlichen Darstellungen schießt Gott selbst (oder ein „Pestengel“) die verhängnisvollen Pfeile auf die Menschheit, die Schutz bei der Muttergottes (Schutzmantel) oder aber bei Pestheiligen findet; s. Art. Pest, Pestbilder, in: LCI 3, Sp. 407-408.

[13]            Agostino Amore, Art. Sebastian, in: LThK2, Bd. 9, Sp. 557-558 (Sonderausgabe)..

[14]            S. Norbert Zabel, Von den Umwälzungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts zum Ersten Weltkrieg, in: 600 Jahre Haintchen 1388-1988, 1988, 195-218, hier: 209.

[15]          Im Jahr 1874 wurde das Amt zu Ehren des Heiligen Sebastian noch gefeiert, s. Alois Staudt, Beiträge zur neueren Kirchengeschichte, in: 600 Jahre Haintchen 1388-1988, 1988, 79-112, hier: 93.

[16]            Am Ende des Textes eingefügt.

[17]          Lat.: Mit eigener Hand

[18]            Am Seitenende von anderer Hand

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